Historie der Diabetikerversorgung in Deutschland

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Zur Historie der Diabetikerversorgung und der Arbeit der Selbsthilfe für Diabetiker in Deutschland

Im Jahre 1931 gab es kein Insulin für Diabetiker und das, obwohl Insulin zur Diabetestherapie bereits bekannt war. Die Therapieempfehlung lautete damals:

keine Kohlenhydrate, viel Fett essen und viel schwere körperliche Arbeit. Im Angesicht dieser Bedrohung für Leib und Leben der Diabetiker gründete sich bereits 1931 in Berlin die erste Selbsthilfevereinigung für Diabetiker mit dem Namen „Deutscher Diabetiker Bund“, zunächst als nicht rechtsfähige Vereinigung. Schnell wuchs die Anzahl der Mitglieder damals auf 25.000 Mitglieder an. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Selbsthilfeorganisation jedoch wieder zerschlagen. Nach damaliger Meinung sollte das Volk vor den Diabetikern geschützt werden. So sollten z. B. Diabetiker nicht heiraten, keine Kinder bekommen und sich sogar sterilisieren lassen. Auch nach dem Kriegsende sind noch viele junge Frauen sterilisiert worden, die an Diabetes erkrankt waren.

Die nachfolgenden Lebensregeln stammen aus den ersten Nachkriegsjahren (1947):
 

Lebensregeln für Zuckerkranke

  1. Erzähle niemandem, dass du zuckerkrank bist!
  2. Halte stets die Diät ein – sei sorgsam beim Insulinspritzen – stähle den Körper durch regelmäßige Muskelarbeit!
  3. Vermeide die Fettsucht!
  4. Lebe so gesund wie möglich! Früh zu Bett, früh wieder auf – Abhärtung durch kalte Waschungen – viel Aufenthalt in frischer Luft – Sonnenbäder bei langsamer Gewöhnung – keine Überanstrengung: bei Ermüdung ¼ – ½ Stunde ins Bett – regelmäßige Ausspannung: ganzen Urlaub auf einmal nehmen. – Vermeide jede Ausschweifung (Alkohol, Nikotin u. a.)
  5. Pflege die Zähne! Zweimal am Tage die Zähne bürsten mit weicher Bürste, Zahnpasta oder Schlemmkreide – Zahnfleischmassage mit den Fingern bei lockerem Zahlfleisch – alle 3 Monate zum Zahnarzt – falls nötig rechtzeitiger Zahnersatz.
  6. Pflege die Haut! 1-2mal wöchentlich ein nicht zu heißes Bad – täglich eine Ganzwaschung – Schweißbildung verhüten durch Waschungen und Pudern – nur ganz milde Hautsalben verwenden.
  7. Pflege die Füße! Täglich waschen mit nicht zu heißem Wasser; gut abtrocknen, besonders zwischen den Zehen – bei trockener Haut mit Lanolin einreiben, bei Schweißfuß pudern – Vorsicht beim Nägel- und Hühneraugenbeschneiden (stets nach Fußbad) – gut sitzenden Schuhzeug, Vorsicht bei neuem Schuhzeug – glatte, nicht drückende Strümpfe – große Vorsicht bei Hitze; keine zu heißen Wärmebeutel oder elektrische Heizkissen, besser Bettsocken! Bei kalten Füßen Wechselbäder: ¼ Minute bei 34° bis 35°, 4 Sekunden bei 18° 2mal täglich 10 Minuten, Fußübungen und Fußmassagen – Bei Verletzungen und Verbrennungen sofort den Arzt rufen!
  8. Regele die Verdauung! Schlackenreiche Kost (Vollkornbrot, Obst) – falls nötig milde Abführmittel (1 Teelöffel Karlsbader Salz auf 1 Glas lauwarmes Wasser nüchtern) – bei Durchfällen nur geriebenen Apfel und ungesüßten Tee; falls nicht in kurzer Zeit besser, sofort Arzt rufen!
  9. Schütze dich vor Erkältungen und Ansteckungen!

 

Nach dem 2. Weltkrieg bestand die Sorge, dass aufgrund der Nachkriegsmangelwirtschaft keine ausreichende Versorgung für die Diabetiker zu erreichen sei. Das Sozialversicherungssystem musste den neuen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen angepasst werden. Unklar blieb, in welchem Maße die Rechte und Belange der Diabetiker berücksichtigt würden. Erst im Jahre 1951 wurde die während der nationalsozialistischen Zeit zerschlagene Organisation neu gegründet und damit Sprachrohr für die Belange der Diabetiker.

In den Jahren 1956 – 1958 bemühte man sich besonders um eine gute Zusammenarbeit mit den Ärzten.

In den Jahren 1958 – 1961 wurden große Anstrengungen unternommen, die berufliche Fürsorge für Diabetiker zu verbessern. Es sollten Vorurteile abgebaut und Diabetikern die Beamtenlaufbahn ermöglicht werden. In Hessen wurde zu dieser Zeit erstmals ein Diabetiker Beamter.

In den Jahren 1962 – 1965 galt das Augenmerk der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Form von Erholungskuren, Ferienlagern und Jugendaustausch. 1964 wurde erstmalig ein Kinderferienlager durchgeführt, an dessen Ende die Eltern an einer Diabetes-Schulung teilnehmen konnten.

Bis zum Jahr 1980 wurden Diabetiker noch nach einem starren Behandlungskonzept eingestellt. Der Tagesablauf wurde von pünktlichen Insulininjektionen und zeitlich vorgegebener Nahrungsaufnahme bestimmt. Die Insulininjektionen erfolgten mit einer Glaskörperspritze, die in regelmäßigen Abständen ausgekocht werden musste.

1980 wurde erstmalig von der Universitätsklinik in Düsseldorf unter der Leitung von Professor Berger (†) ein „strukturiertes Schulungsprogramm für Diabetiker“ entwickelt. Mit dieser Schulung wurden Diabetiker in die Lage versetzt, entsprechend der Bedürfnisse des Alltags und des Berufes die Therapie anzupassen. In den Folgejahren wurde dieses strukturierte Schulungsprogramm in vielen stationären Einrichtungen bundesweit eingeführt. Kostengründe führten dazu, dass immer mehr diabetologische Schwerpunktpraxen eingerichtet wurden, die nach und nach die Schulung der Diabetiker übernahmen.

Doch auch die Therapie veränderte sich. Die Selbstkontrolle spielte eine immer wichtigere Rolle in der Diabetikerversorgung. Die ersten Insulinpumpen wurden eingeführt. Auch die Selbsthilfeorganisationen haben sich in den Folgejahren als feste Einheit in der Versorgungskette für Diabetiker etabliert. In nahezu 1.000 Selbsthilfegruppen in den 16 Ländern und in den Mitgliedsorganisationen verfügen sie über ein nahezu flächendeckendes Netz von Selbsthilfegruppen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich tagtäglich (24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr) für die Betroffenen einsetzen.

Gemeinsam mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) erfolgte 1985 die Gründung der Deutschen Diabetesstiftung Zu dieser Zeit wurde auch der erste Deutsche Diabetikertag ausgerichtet.

1990 wurde gemeinsam mit der DDG und dem Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher (BdKJ) die Deutsche Diabetes Union (DDU) gegründet. Im Fokus stand damals die Einführung des Gesundheitspasses Diabetes und der Kampf gegen die Zuzahlung für Insulin. Eine Klage des Landesverbandes NRW gegen die Insulinzuzahlung vor dem Bundessozialgericht in Kassel war leider erfolglos. 1992 wurden vorwiegend im Landesverband NRW Befundberichtmappen eingeführt, in denen Diabetiker ihre Untersuchungsberichte sammeln konnten und in denen Vordrucke enthalten waren, die dem Arzt die Dokumentation erleichtern sollten. Leider waren es die hohen Kosten, die eine bundesweite Umsetzung der eigentlich guten Idee verhinderte.

Gemeinsam mit der DDU gab es für die Diabetiker jedoch auch große Erfolge. So konnte gemeinsam erreicht werden, dass 1993 bei der Einführung der Zuzahlung für Arzneimittel Teststreifen zur Selbstkontrolle bei Diabetikern von der Zuzahlung ausgenommen wurden. Davon profitieren heute noch ca. 1,9 Mio. Diabetiker in Deutschland.

Ein weiterer Erfolg konnte 2003 bei der Schnittstellendefinition zu den Disease-Management-Programmen (DMP) verzeichnet werden. Hier konnte gemeinsam erreicht werden, sehr hohe HbA1c- und Blutdruckwerte nicht festzuschreiben, sondern den Betroffenen die Möglichkeit einzuräumen, mit dem Arzt ein individuelles Therapieziel zu vereinbaren.

In der Geschichte der Selbsthilfe gab es auch Zeiten unterschiedlicher Auffassungen über die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit. So wurde in den 80er Jahren der BdKJ neu gegründet und aktuell haben am 08.06.2012 in Berlin die Landesverbände Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die Bundesorganisation „Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes e. V. (DDH-M)“ gegründet. DDH-M bildet nun als Betroffenenorganisation – neben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und dem Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) – eine dritte, gleichberechtigte Säule in der Dachorganisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Aus dieser Gemeinsamkeit ergibt sich die Chance einer koordinierten Sichtweise auf Diabetes-bezogene Themen und Aufgaben.